12.10.2009

„Berufsideologische Barrieren einreißen!“

Andreas Westerfellhaus, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege (DGF), ist neuer Präsident des Deutschen Pflegerats. Wir sprachen mit dem Pflegeexperten – über seine Erwartungen an Schwarz-Gelb, das öffentliche Image der Pflegeberufe und die überfällige Neuverteilung von Aufgaben im Gesundheitswesen.

Herr Westerfellhaus, Deutschland wird in den kommenden vier Jahren von einer schwarz-gelben Koalition regiert. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem politischen Neustart im Bund?

Westerfellhaus: Die neue Bundesregierung muss rasch nachhaltige Initiativen zur Behebung der Notlage der Pflegenden und den dadurch ausgelösten Pflegepersonalmangel ergreifen. Hier droht eine Versorgungskrise ungeahnten Ausmaßes. Eine bessere  Personalausstattung und die Anerkennung der hohen Kompetenz und gesellschaftlichen Leistung der Pflegefachkräfte stehen aus. Dazu bedarf es auch mehr als Imagekampagnen. Und nicht zuletzt muss nun zügig die Reform der Ausbildungen in Form eines Berufsgesetzes erfolgen. Wenn die Pflegeberufe zukünftig attraktiv sein sollen, müssen sie schon in der Ausbildung attraktiv sein. Das heißt im Klartext: Es braucht gute Ausbildungsbedingungen in der Pflege mit qualifizierten Lehrern und Praxisanleitern, die regelhafte Möglichkeit der Ausbildung an Hochschulen und eine Zusammenführung der Ausbildungen zu einem Beruf mit Schwerpunktbildung.


Der Pflegerat hat sich mehrfach für eine stärkere und eigenständigere Rolle der Pflege in der Gesundheitsversorgung stark gemacht. Ärzteverbände aber stemmen sich gegen eine Substitution ärztlicher Aufgaben und befürchten eine Medizin light, die zu Qualitätseinbußen in der Versorgung führt. Glauben Sie wirklich, der Widerstand der Ärzteschaft wird in dieser Angelegenheit geringer werden?

Die gelebte Realität an der Basis – hier findet Kooperation und Umverteilung von Tätigkeiten ja bereits erfolgreich statt – und die sich verändernden Strukturen in der Ärzteschaft wie mangelnder Berufsnachwuchs, Femininisierung des Berufsbildes, Engpässe im Krankenhausbereich sowie im hausärztlichen Bereich werden ein Umdenken der Ärzteschaft zwingend erforderlich machen. Es gibt keinen anderen Weg als den der Neuverteilung von Aufgaben zwischen allen Berufsgruppen, um eine Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen unter professionellen, ökonomischen und auch quantitativen Aspekten zu gewährleisten. Die Diskussion Delegation versus Substitution muss beendet werden. Es geht um Kooperation im Sinne der uns anvertrauten Menschen.


Zu einer gestärkten Pflege gehört auch, zumindest sieht es der Pflegerat so, die Verkammerung der Pflege. Die Schaffung von Pflegekammern ist originär Sache der Länder. Was kann der Bund in dieser Angelegenheit tun?

Der Bund kann als Meinungsführer unterstützend wirksam werden, die Bedeutung und den Nutzen einer Selbstverwaltung der Pflegeberufe herauszustreichen. Wenn z. Bsp.  über eine Thematisierung in der Gesundheistministerkonferenz zu mindestens im Rahmen einer Information und Diskussion dieses Thema aufgegriffen würde, könnte durch ein „Hineintragen“ stützend die Diskussion in den Ländern entwickelt bzw. weiter geführt werden. Die Informationspolitik bzgl. einer Selbstverwaltung der Pflegeberufe muss bezogen auf die politische Ebene auf eine viel breitere Ebene gestellt werden.


Was hat denn eigentlich Schwester Ines oder Pfleger Heiko von der Schaffung einer Pflegekammer?

Ihre Frage zielt zu Recht auf den Nutzen für die Pflegenden an der Basis. Der Nutzen einer Selbstverwaltung für das Gesamtsystem ist schon ausführlich immer wieder beschrieben worden. Wenn es aber nicht gelingt, unsere Berufsangehörigen in dieser Thematik mitzunehmen und sie vom Sinn einer Selbstverwaltung zu überzeugen, kann letztendlich die gesamte Zielstellung gefährdet werden. Der Nutzen für Schwester Ines und Pfleger Heiko beginnt schon mit der Ausbildung. Ich denke da etwa an die Abnahme von Prüfungen unter Aufsicht von Pflegepädagogen, die Ausgabe von Heilberufeausweisen um einer pflegerischen uneingeschränkten Tätigkeit nachgehen zu können, die Bewertung von strukturierten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten durch Vergabe von Lizenzen und Zertifikaten, Gutachter- und Schiedsstellentätigkeit durch qualifizierte Pflegekräfte. Letztendlich profitieren aber alle Berufsangehörigen durch eine Weiterentwicklung des Berufsfeldes durch qualifizierte Angehörige der Berufsgruppe. Mit der Fremdbestimmung der Pflege muss endlich Schluss sein. Wir in unserer Berufsgruppe wissen am besten, wie unser Beitrag für ein Gesundheitssystem von morgen aussehen kann.


Ein Anliegen des Pflegerats ist es, dass sich beruflich Pflegende registrieren lassen und somit den Qualifikationsstand der Berufsgruppe nach außen darstellen. Wie gelingt es, dass sich möglichst viele Pflegekräfte am Verfahren beteiligen?

Es ist wie immer eine Frage der Kommunikation: wie mache ich jedem Einzelnen den Nutzen deutlich, wie bringe ich ihn oder sie dazu, mir zu zuhören und sich mit den Fragestellungen und Notwendigkeiten einer Registrierung auseinanderzusetzen. Es gelingt immer dort, wo wir die Pflegenden persönlich erreichen: an ihrem Arbeitsplatz, in ihrer Einrichtung und auf Fortbildungsveranstaltungen. Auch hier gilt: Wir müssen sie abholen und mitnehmen, sie auf eine Solidarität der Berufsgruppe einschwören. Das gelingt zunehmend. Ich erhoffe mir auch einen Schneeballeffekt durch die weitere Zunahme der Anzahl der Registrierten. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Unterstützung zur Registrierung durch die Arbeitgeber in den letzten Monaten erheblich zugenommen hat.


Deutschland wird älter und damit steigt der Bedarf an Pflege. Eine große Zukunftsaufgabe wird es sein, junge Menschen für die Pflegeberufe zu begeistern. Die Frage ist: Wie?

Wir müssen die Attraktivität des Pflegeberufes herausstreichen. Es gibt nach wie vor mehr Positives als Negatives in unserem Beruf. Tausende von Pflegekräften üben den Beruf nach wie vor mit Begeisterung aus und sehen die Entwicklungschancen unserer Berufe. Das müssen wir deutlich machen und in eine Sprache umwandeln, die die jungen Menschen anspricht. Der DBfK verteilt derzeit ein Silikonarmband (Wristband) mit der Aufschrift „ I am proud to be a nurse“ und in einer großen Tageszeitung wurde ein Bericht veröffentlicht unter der Überschrift „ Es ist cool, ein Pfleger zu sein…“ Professionelles und positives Marketing mit ausführlicher Darstellung unseres Berufsbildes sowie den lebenslangen Entwicklungschancen besonders über die Schulen kommt eine immense Bedeutung zu. Und wie gesagt: Die Attraktivität muss schon während und durch die Ausbildung sichtbar werden.


Kommen wir zur Baustelle Pflegeversicherung: Spätestens 2011 dürfte eine neuerliche Reform auf den Weg gebracht werden. Was ist aus Sicht des Pflegerats wichtig?

Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff zügig umsetzt. Die demographische Entwicklung und die wachsenden Erwartungen der pflegebedürftigen Menschen lassen den Reformdruck steigen. Mit der Arbeit im Beirat zur Neuformulierung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes wurde die allgemeine Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Begriff erneut dokumentiert. Besonders wichtig ist neben einer nachhaltigen Sicherung der Finanzierung der Pflegeversicherung die Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes in einer Form, die der Professionalität der Pflegenden Raum lässt, damit die Pflegebedürftigen die Leistungen erhalten, denen Sie die höchste Priorität einräumen und die den größten Beitrag zur Lebensqualität und Erhaltung bzw. Rückgewinnung der Selbständigkeit erreichen. Mit einem solchen Ansatz würde auch die Zufriedenheit der Pflegefachkräfte steigen. Grundsätzlich bedarf es einer gesellschaftlichen Diskussion und Entscheidung, was uns die Versorgung und Betreuung alter und/oder pflegebedürftiger Menschen Wert ist. Daran muss sich dann der Ressourcenverbrauch festmachen.


Nach welchem Motto möchten Sie ihre Amtszeit als Präsident des Pflegerats gestalten?

Mein Motto lautet: Gesundheitspolitik aus der Berufsgruppe der Pflege so mitzugestalten, dass der Patient in den Mittelpunkt aller gesundheitspolitischen Überlegungen und Entwicklungen gestellt wird. Ich möchte deutlich machen, was eine professionelle Pflege hier leisten kann und dieses zur Umsetzung bringen. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die berufsideologischen Barrieren, die eine solche Entwicklung häufig immer noch verhindern, eingerissen werden. Nur im Rahmen des Bewusstseins einer gelebten Kooperation zwischen allen beteiligten Berufsgruppen können die gewaltigen Herausforderungen in der Zukunft gemeistert werden. Ich möchte integrierend nach innen – das heißt in die Verbände des DPR – und nach außen bezogen auf alle Berufsgruppen und Institutionen wirken.



(Das Interview führte Thomas Hommel)

Heilberufe - PflegePositionen 11/2009